Wie Bildung für breite Bevölkerungskreise Gesellschaften voranbringt: Beispiele von der Reformation im Deutschland des 15. Jahrhunderts bis zu Erfolgen in Kenia im 21. Jahrhundert
Es gibt verschiedene Theorien zum Erfolg und Scheitern von Gesellschaften. Sicher ist, dass ein harsches Klima, schlechte Böden oder ein fehlender Zugang zu Handelswegen es den Menschen in vielen Weltregionen lange erschwert haben, sich kulturell und wirtschaftlich zu entwickeln. Hochkulturen entstanden im Altertum dort, wo die Rahmenbedingungen günstiger waren, in China, Mesopotamien, am Nil oder in Griechenland.
Wo das Dasein einfacher war, konnten nicht nur mehr Menschen überleben, die Gesellschaften begannen auch sich zu differenzieren: Die Erfindungen von Landwirtschaft und Schriftzeichen, gefolgt von einer Urbanisierung, beendeten das weitgehend egalitäre Leben der Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften. Entscheidend für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg der damaligen Reiche der Antike war eine kleine Schar von Gebildeten, von Baumeistern, Verwaltern, Geschichtsschreibern, Priestern und schriftkundigen Gelehrten. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, Soldaten, Bauern oder Sklaven, aber auch die meisten Frauen, musste die „Arbeit“ erledigen, sie war rechtlos, arm und ungebildet. Sie konnte weder zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen noch von den kulturellen Errungenschaften profitieren.
Bildung, das Kapital, das einen Mensch befähigt, seine wirtschaftliche und soziale Situation zu verbessern, war somit von Vorteil für wenige. Im alten Stadtstaat Athen konnten vor der Zeitenwende geschätzte 15 Prozent der Bevölkerung rudimentär lesen und schreiben, fast ausschließlich männliche Einwohner mit Bürgerrechten. Im weströmischen Reich lag die Alphabetisierungsrate bei maximal fünf Prozent. Bis in das Zeitalter der Renaissance, als im 14. Jahrhundert vor allem in den toskanischen Städten Florenz, Siena und Pisa Künste, Architektur und Wissenschaften eine bis dato unbekannte Blüte erlebten und die Bildung zumindest dort größere Teile der Gesellschaft in den mittleren und höheren Gesellschaftsschichten erreichte, blieb sie ein Privileg vergleichsweise kleiner Eliten.
Der Reformator als Bildungsrevolutionär
Erst mit der Reformation ergab sich die Chance auf eine Bildungsrevolution: Vor gut 500 Jahren hatte der Augustinermönch Martin Luther die Heilige Schrift aus dem Lateinischen in eine für das Volk verständliche Sprache übersetzt, damit alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Klassen- oder Schichtzugehörigkeit, das Wort Gottes erleben konnten und nicht auf die Vermittlung geistiger Obrigkeiten angewiesen waren. Das Problem war, das gemeine Volk konnte gar nicht lesen und schreiben. Für Luther war deshalb klar: Wer die Bibel unter das Volk bringen wollte, musste zunächst die Bildung unters Volk bringen.
Immer wieder ermahnte der Reformator Eltern, ihre Kinder, und zwar Jungen und Mädchen, zur Schule zu schicken, weil es unchristlich sei, sie dem Teufel zu überlassen. Im Frühjahr 1524, zwei Jahre nach der ersten Auflage der übersetzten Bibel, verfasste er seine Flugschrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Lands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollten“. Auch wenn es Luther dabei einzig um die Vermittlung religiöser Werte ging, legte er damit den Grundstein für die weltweit erste breit angelegte, demokratische und säkulare Bildungsinitiative.
Bildungspolitik war allerdings schon damals kein Selbstgänger. Zunächst richteten allein die reformierten deutschsprachigen Städte und Fürstentümer allgemeine Schulen ein, die aber längst nicht alle Kinder erreichten. Erst 1592 führte Herzog Johann I. von Pfalz-Zweibrücken als weltweit erster Herrscher die allgemeine Schulpflicht für Mädchen und Jungen ein.
Weil sich Bildungsinvestitionen nicht unmittelbar auf die ökonomische Entwicklung auswirken, konnten die reformfreudigen Fürsten selbst kaum etwas von einem möglichen Ertrag ihrer Aufwendungen erleben. Immerhin vergehen mindestens zehn Jahre, bis ein junger Mensch das früh Erlernte in einen wirtschaftlichen Nutzen übersetzen kann. Doch weil die Alphabetisierung das Wissen und die Fähigkeiten der Bevölkerung auf breiter Basis mehrte, wuchs längerfristig auch der Wohlstand.
Diesen Zusammenhang haben die beiden deutschen Ökonomen Ludger Wößmann und Sascha Becker anhand von historischen Daten aus 29 europäischen Ländern im Detail statistisch dokumentiert. Demnach waren die vom Protestantismus geprägten Gesellschaften durch die Bank erfolgreicher als die katholischen, in denen die Breitenbildung erst viel später einzog: Norddeutschland, die Niederlande, England, Skandinavien und später auch die USA gewannen an Wohlstand und Einfluss, wohingegen die einst reichen katholischen Mächte Spanien und Portugal, wie auch Gebiete des heutigen Italiens einen Niedergang erlebten. Während um das Jahr 1870 herum die protestantisch geprägten Reiche bereits zu etwa 80 Prozent alphabetisiert waren, lagen Italien und Spanien noch bei unter 35 Prozent. Höhere Bildung könne den wirtschaftlichen Vorsprung der Protestanten vollständig erklären, schrieben die Wissenschaftler.
Finnland – aus bitterer Armut an die PISA-Spitze
Nach den ersten Bildungserfolgen im Zuge der Reformation konnten verschiedene Kulturen und Nationen nach dem gleichen Prinzip von einer Massenalphabetisierung profitieren. Interessanterweise verloren dabei äußere Faktoren für Entwicklung wie Klima, geografische Lage oder Zugang zu Handelswegen an Bedeutung. Breitenbildung wurde zum Kern des Fortschritts.
Beispielhaft dafür steht Finnland, bis Ende des 19. Jahrhunderts eines der ärmsten Gebiete Europas. Nordisches Klima, saure Moorböden und dünne Besiedlung erschwerten jede Entwicklung. Nur wenige Menschen in den Städten konnten lesen und schreiben. Die Bevölkerung wuchs rapide, sie wurde nur durch Kriege und Hungersnöte vorübergehend dezimiert. Von 1866 bis 1869 etwa ließ eine ungewöhnliche Kälteperiode die Landwirtschaft kollabieren, der kühle Sommer währte kaum mehr als zwei Monate und aufgrund der Ernteausfälle verhungerten mehr als 15 Prozent der Bevölkerung. Fast die Hälfte aller Kinder starb.
Angesichts der desolaten Lage beschloss die evangelische Kirche Finnlands, der praktisch alle Finnen angehörten, gemeinsam mit der staatlichen Verwaltung die total verarmte Landbevölkerung zu alphabetisieren. In einem Kraftakt ohnegleichen wurden überall Schulen gebaut und von 1870 bis 1910 die Zahl der Volksschullehrer verzwanzigfacht. Die Kirche setzte einen speziellen Anreiz zur Bildung: Heiraten durfte nur, wer eine Seite aus Luthers kleinem Katechismus vorlesen konnte, das galt für Braut und Bräutigam. In einer Zeit, in der allein die Ehe als legitimer Ort für Sexualität galt, war das ein erhebliches Druckmittel. Es war ein verzweifelter Versuch die Menschen zu kultivieren.
Und er war überaus erfolgreich: Anfang des 20. Jahrhunderts konnte praktisch die gesamte jüngere Bevölkerung Finnlands lesen und schreiben. Mit einer soliden Basisbildung begannen die Menschen rationaler zu denken und die Größe ihrer Familien bewusst zu planen, was die Kinderzahl je Frau binnen einer Generation von über fünf auf unter drei sinken ließ. Mit der Bildung von Frauen stieg auch deren gesellschaftlicher Stellenwert. 1906 führte Finnland, damals noch russisches Großherzogtum, als erstes europäisches Territorium das allgemeine aktive und passive Wahlrecht für Frauen und Männer ein. Nach den ersten Wahlen zum Ständelandtag 1907 zogen bereits 19 Frauen in das Parlament von 200 Abgeordneten ein.
Finnland hatte ganz offensichtlich den Nutzen von Bildung erkannt und baute nach den Primarschulen bald konsequent die Sekundarstufe auf. Die Schulen legten neben der Lesekompetenz schon früh besonderen Wert auf Naturwissenschaften und Fremdsprachen. Bereits 1970 hatten die Frauen ihre männlichen Altersgenossen bei der Zahl der Abiturienten überholt. Als im Jahr 2001 zum ersten Mal die Ergebnisse der von der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) ins Leben gerufene PISA-Studie zum internationalen Vergleich von Schulleistungen vorlagen, ging Finnland als klarer Sieger hervor. Das Land wies auch die geringsten Leistungsunterschiede zwischen den Schulen auf, ein Hinweis auf eine hohe Chancengleichheit im Bildungssystem.
In den jüngsten PISA-Studien, die alle drei Jahre wiederholt werden, ist Finnland ins obere Mittelfeld zurückgefallen. Asiatische Länder wie Singapur, Japan und Korea sind an die Spitze gerückt. Diese Länder haben in der Vergangenheit eine ähnliche Breitenbildungsrevolution erlebt wie das nordische Land. Finnland lag aber 2022 aber immer noch signifikant über dem OECD-Schnitt, während Deutschland im Leistungsvergleich das bisher schlechteste Ergebnis abgeliefert hat. Die finnischen Bildungserfolge gelten als Hauptgrund dafür, dass das Land trotz seiner geografischen Randlage und seiner sprachlichen Isolation wirtschaftlich eines der reichsten der Welt ist. Vermutlich ist das hohe Bildungsniveau auch ein Grund dafür, dass Finnland 2025 im Word Happiness Report das achte Jahr in Folge zum glücklichsten Land der Welt gekürt wurde. Tatsächlich bezeichnen sich in Befragungen besser ausgebildete Menschen zu einem wesentlich höheren Anteil als „sehr glücklich“ oder „glücklich“ als weniger Gebildete.
Singapur – von der Opiumhöhle zur High-Tech-Metropole
Noch deutlich jünger als Finnland ist Singapur. Der asiatische Stadtstaat wurde erst im Jahr 1965 unabhängig von der Kolonialmacht Großbritannien und hatte einen schweren Start: Der Ort im tropisch-schwülen Klima war malariaverseucht, war vor allem für seine Bordelle und Opiumhöhlen bekannt und es herrschte Massenarbeitslosigkeit. Über die Hälfte seiner Einwohner war des Lesens und Schreibens unkundig.
Doch Singapur hatte von Anfang an ein sehr seltenes Glück. An seiner Spitze stand ein autokratischer, aber weiser Regierungschef, der bis 1990 im Amt blieb: Der aus einer wohlhabenden chinesischen Familie stammende Lee Kuan Yew hatte die Vision, sein Land mit einer Mischung aus konfuzianischen Werten, westlicher Bildung und knallhartem Kapitalismus aus der Armut zu führen. Anfangs lag sein Schwerpunkt auf einem schnellen Ausbau des Bildungssystems.
Bereits 1970 waren ausreichend Lehrer ausgebildet, um praktisch allen Kindern eine Grundschulausbildung zu garantieren. Englisch wurde als Basissprache eingeführt, damit die Bevölkerungsmischung aus Chinesen, Malaien, Arabern, Europäern und Indern miteinander kommunizieren konnte. Daneben gab es für alle Kinder Unterricht in ihrer Muttersprache, damit sie ihre kulturellen Wurzeln nicht verloren.
Um seinen Bewohnern Arbeitsplätze zu bieten, siedelte Lee Kuan Yew zunächst einfache Industriebetriebe für exportfähige Billigprodukte an. Doch weil der Premierminister längst die Sekundarbildung gefördert und massiv in den Ausbau von Universitäten investiert hatte, hatte sich der Stadtstaat von einem reinen Industriestandort schon in den 1980er Jahren zu einer Wissensgesellschaft entwickelt. Seit 2000 wendet das Land bis zu 20 Prozent seines Staatshaushalts für Bildung auf. In Deutschland sind es nur etwa 10 Prozent.
Das Bildungssystem in Singapur baut auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen der sogenannten Metakognition auf. Diese beschreibt die Auseinandersetzung mit den eigenen kognitiven Prozessen, also das bewusste Nachdenken über das eigene Denken. Praktisch bedeutet dies, dass die Lehrenden lediglich die Grundlagen des Wissens und der Lernstrategien vermitteln, während die Lernenden möglichst schnell erfassen, wie das Lernen funktioniert. Auf diese Art lernen Jugendliche eigenständig Wissen zu verarbeiten und weiterzuentwickeln, sie werden zu selbstständigen Lernexperten.
Heute ist Singapur mit seinen sechs Millionen Einwohnern eine der reichsten Nationen der Welt und der führende Wissenschafts- und Forschungsstandort in Südostasien. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen verfügen neun von zehn Personen über einen tertiären Bildungsabschluss, haben also eine Hochschule oder eine Fachhochschule absolviert. Über 83 Prozent der 25- bis 64-Jährigen sind in Beschäftigung, darunter annähernd so viel Frauen wie Männer. Die Arbeitslosigkeit ist mit drei Prozent verschwindend gering. Gleichzeitig können sich die Beschäftigten über stetig steigende Realeinkommen (inflationsbereinigt) freuen. Zwischen 2019 und 2024 gab es einen Zuwachs von 0,9 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland sind die Realeinkommen im gleichen Zeitraum um 0,5 Prozent gesunken.
Bildung und Wirtschaftserfolg wirken sich auch auf das Wohlbefinden der Menschen aus. Trotz der dichten Besiedelung gilt Singapur als grünste Stadt Asiens. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei rekordverdächtigen 85 Jahren, das sind geschätzte 18 Jahre mehr als 1965, dem Jahr der Unabhängigkeit. Der öffentliche Nahverkehr ist perfekt organisiert und nirgendwo in der Großregion leben die ethnischen Gruppen und Religionen so friedlich zusammen. Korruption ist nahezu unbekannt. Nach dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International liegt das Land auf Platz drei von 181 untersuchten Ländern, lediglich hinter Dänemark und Finnland.
Südkorea – kriegsgebeuteltes Agrarland wird zur Industriemacht
Singapur gilt als der erfolgreichste aller asiatischen Tigerstaaten, zu denen auch Südkorea, Taiwan, Thailand, Malaysia oder Indonesien und letztlich auch China zählen. Das sind ehemals arme Entwicklungsländer, die sich durch hohe Investitionen in Bildung und eine exportorientierte Industriepolitik rasch von agrarisch geprägten Ländern zu High-Tech-Nationen entwickelt haben.
Geradezu lehrbuchhaft hat dies Südkorea getan. Nach dem Ende des verheerenden Koreakrieges 1953 und der Teilung der Halbinsel lag das Land wirtschaftlich und sozial darnieder, galt als eines der am wenigsten entwickelten und ärmsten der Welt, ärmer als viele afrikanische Staaten. Ein Teil der Männer und die Mehrheit der Frauen hatten noch nie eine Schule von innen gesehen. Jobs fanden die Menschen in dem Land ohne wesentliche Rohstoffe im Wesentlichen in der Landwirtschaft. Industriearbeitsplätze gab es praktisch nur im heutigen Nordkorea.
Typisch für die Armut war die hohe Fertilitätsrate, die durchschnittliche Kinderzahl je Frau, die damals bei über sechs lag. Das starke Bevölkerungswachstum erschwerte die Entwicklung, denn es fehlte an Arbeitsplätzen und Infrastrukturen aller Art. Erst 1954 führte die Regierung eine Grundschulpflicht ein und gab der Bildung oberste Priorität. Gleichzeitig investierte sie in einfache Industriebetriebe, um Arbeitsplätze für die stark wachsende Bevölkerung zu schaffen und verbesserte in den 1960er Jahren den Zugang zu modernen Verhütungsmitteln.
Diese Interventionen setzten eine folgenreiche Entwicklungskette in Gang: Die Geburtenrate sank, gleichzeitig gab es noch relativ wenige alte Menschen. Der Anteil der zu versorgenden Bevölkerung ging zurück, während jener der Erwerbsfähigen wuchs. Es entstand ein sogenannter demografischer Bonus. Die Industriepolitik machte es möglich, dass die vielen jungen Menschen eine Beschäftigung fanden, und der Bonus ließ sich in eine demografische Dividende umwandeln. Die große, aber noch mäßig ausgebildete junge Erwerbsbevölkerung eignete sich ideal für die erste Phase der Industrialisierung, in der es viele Hände brauchte.
Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg sank die Geburtenziffer weiter, bis 1975 auf nur noch zwei Kinder je Frau, das Bevölkerungswachstum ließ nach. Die kleiner werdenden, immer besser gebildeten Nachwuchsjahrgänge passten dann perfekt zur zweiten Phase der Industrialisierung, in der es mehr auf kluge Köpfe als auf viele Hände ankam. Sie konnten in immer höherwertige Jobs aufsteigen und bescherten Südkorea den idealtypischen Innovations- und Wirtschaftsaufschwung der Tigerstaaten. Dies zeigt, dass die demografische Dividende, die in der Regel für den Aufstieg der weniger entwickelten Länder zu Industriestaaten verantwortlich gemacht wird, im Wesentlichen auf Investitionen in das Humanvermögen fußt. Heute hat Südkorea eine der am besten qualifizieren Bevölkerungen der Welt und ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, der zwölftreichste Staat der Welt.
Allerdings hinterlässt die Schockmodernisierung in Südkorea, ähnlich wie in weiteren ostasiatischen Staaten, auch andere Spuren: Wegen des massiven Rückgangs der Kinderzahlen erlebt das Land einen enormen demografischen Wandel mit einer sehr starken Alterung. Mittlerweile bekommen die Südkoreanerinnen im Schnitt weniger als 0,8 Kinder. Die Bevölkerung schrumpft bereits seit 2020 und dürfte nach Projektionen des eigenen Statistikamtes von heute 52 Millionen bis 2072 auf 38 Millionen zurückgehen. Das Durchschnittsalter der Koreaner und Koreanerinnen läge dann bei 58 Jahren. Auch wenn der hohe Bildungsstand die Erwerbsmöglichkeiten im Alter erhöht, wird sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Nation vermutlich deutlich von der heutigen unterscheiden.
Mauritius – Vorbild für Afrika
Afrika hat die jüngste Bevölkerung der Welt. Die Hälfte der Afrikanerinnen und Afrikaner ist jünger als 19,5 Jahre. In einer alternden Welt bedeuten diese fast 800 Millionen jungen Menschen eine enorme Ressource. Sie könnten auf dem Kontinent einen Wirtschaftsboom auslösen – wenn sie denn eine gute Ausbildung hätten. Was aber leider nicht der Fall ist.
Afrika hat den mit Abstand schlechtesten Bildungsstand aller Kontinente. Über 100 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren gehen nicht zur Schule. Und selbst wenn sie die Chance dazu haben, lernen nur etwa elf Prozent der Grundschulkinder angemessen lesen, schreiben und rechnen. Unter Erwachsenen gelten gut 30 Prozent aller Personen als Analphabeten.
Die Bildungserfolge sind allerdings von Land zu Land höchst unterschiedlich. Während die durchschnittliche Schulzeit im westafrikanischen Niger lediglich 1,5 Jahre beträgt, ist Mauritius ein Vorreiter in Sachen Bildung. Die 2.000 Quadratkilometer große Insel im Indischen Ozean gehört aber geografisch zu Afrika.
Im 16. Jahrhundert von europäischen Kolonialisten und ihren afrikanischen Sklaven besiedelt, hing Mauritius zur Unabhängigkeit im Jahr 1968 komplett vom Zuckerrohranbau ab und war einigermaßen schutzlos den verheerenden tropischen Wirbelstürmen ausgesetzt. Das Land schien in einem Kreislauf aus Armut, hohem Bevölkerungswachstum und regelmäßigen Katastrophen gefangen.
Schon in den frühen 1960er Jahren hatte die britische Kolonialverwaltung allerdings begonnen Schulen zu bauen, die Jungen wie Mädchen offenstanden. In dieser Zeit wurden zwei hochkarätige Delegationen aus Ökonomen und Sozialforschern nach Mauritius entsandt, um Konzepte für eine Entwicklung aus der desolaten Lage heraus zu erarbeiten. Aus beiden Vorschlägen stachen zwei Empfehlungen hervor: Baut mehr Schulen und ermöglicht eine Familienplanung! Selbst die katholischen und die muslimischen Abgeordneten stimmten diesem Konzept zu.
Ohne jeden Druck oder Zwang nutzten die Menschen diese Angebote und innerhalb von nicht einmal zehn Jahren sank die durchschnittliche Kinderzahl je Frau von 6,2 auf 3,3. Eine wesentliche Rolle bei dem Rückgang spielte der Bildungszugang für Frauen: Sie konnten sich fortan besser gegen ihre Männer durchsetzen, die sich gerade in armen Ländern traditionell viele Kinder wünschen.
Mädchen konnten nicht nur von der Grundschulbildung profitieren. Über die Hälfte von ihnen besuchte schon im Jahr 1980 eine Sekundarschule. Und sobald die besser gebildeten Jahrgänge das Erwerbsleben erreichten, wuchsen auch die Einkommen der Menschen: Von durchschnittlich umgerechnet 779 US-Dollar im Jahr 1976 auf über 2.000 Dollar 1988 und auf 12.850 Dollar im Jahr 2024. In Kaufkraft übersetzt wären das 27.320 Dollar.
Heute verfügt Mauritius nicht nur über eine stabile Demokratie, sondern auch über eine der stärksten und am breitesten diversifizierten Volkswirtschaften Afrikas. Einst kamen die Einnahmen allein aus der Zuckerrohr-Monokultur, wird heute das Geld mit Tourismus, hochwertiger Textilindustrie, Finanzdienstleistungen sowie Informations- und Kommunikationstechnologie verdient. Der Index für Menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen, in den Daten zur Lebenserwartung, zu Bildung und zum Einkommen einfließen, stuft Mauritius als „sehr hoch entwickelt“ ein. Im Ranking liegt der Inselstaat auf Platz 73 von 193 Ländern. In Afrika stehen nur die Seychellen besser da.
Kenia – erst einmal lesen lernen
Aber auch der afrikanische Kontinent selbst hat seine Erfolgsgeschichten in Sachen Bildung. Weil in vielen Ländern nicht alle Kinder eingeschult werden, weil die Abbrecherquoten oft hoch sind, weil es an gut ausgebildeten Lehrkräften wie auch an Schulgebäuden und Lernmaterial mangelt, hat beispielsweise Kenia erkannt, wie wichtig es ist, allen Kindern zunächst einmal die Grundlagen für späteres, eigenständiges Lernen zu vermitteln. Also lesen und schreiben zu lernen. Denn nur wenn alle Kinder diese Chance bekommen, kann eine breite Bildungspyramide entstehen, aus der dann im Laufe der Jahre die fähigsten Jugendlichen von einer weiterführenden Sekundar- und Tertiärbildung profitieren können.
Im Jahr 2014 begann Kenia diesen Ansatz in dem einfachen und pragmatischen Tusome-Projekt umzusetzen: Aufgabe des landesweiten Programms war es, die Lesefähigkeiten von Erst- bis Drittklässlern in den beiden Hauptsprachen Englisch und Suaheli zu verbessern. Bei Projektbeginn lagen die Lesekompetenzen der Kinder deutlich unter den Vorgaben der Regierung. Obwohl fast alle Kinder eine Grundschule besuchten, verließen sie diese damals oft als Analphabeten.
Tusome bedeutet übersetzt aus Suaheli: „Lass uns lesen“. Das 96-Millionen-Dollar-Projekt des kenianischen Bildungsministeriums wurde unter anderem von der amerikanischen Entwicklungsagentur USAID unterstützt (damals interessierte sich die US-Regierung noch für Entwicklungsprogramme in Afrika).
Landesweit nahmen bis 2022 fast acht Millionen Kinder in über 24.000 Primarschulen an dem Programm teil. Tusome arbeitete mit drei Grundprinzipien: Erstens gab die Regierung messbare Ziele vor, definierte die erwünschten Lernfortschritte und kommunizierte sie klar an Schulverwaltungen, Lehrpersonal und Schüler. Um vergleichbare Ergebnisse zu erhalten, wurden 26 Millionen neue Lehrbücher gedruckt, damit alle Schüler eine einheitliche Lernbasis hatten.
Zweitens wurden das gesamte Lehrpersonal, insgesamt 77.000 Personen, in einheitlichen pädagogischen Konzepten zur Pädagogik des Lesens geschult. Dabei halfen rund 1.200 eigens angestellte Curriculum Support Officers (CSOs), die als Berater regelmäßig die Schulen besuchten. Die CSOs erhielten ihrerseits dreimal im Jahr eine Fortbildung.
Drittens überwachte die Regierung kontinuierlich das Erreichen der Ziele auf allen Ebenen. Dazu dokumentierten die CSOs die Fortschritte des Programms auf Tablets und speisten sie in eine zentrale Datenbank ein. Damit hatte die Regierung Echtzeitdaten zu dem Projekt in der Hand und konnte den CSOs direkt Informationen zuspielen, mit welchen Mitteln sich die Leistungen bestimmter Schüler verbessern ließen. Zudem konnte sie die Tablets der CSOs über GPS orten und kontrollieren, ob die Kontrolleure tatsächlich diese oder jene Schule auch in entlegenen Regionen besucht hatten oder ihre Visiten lediglich vortäuschten. Alle Beteiligten konnten also sicher sein, dass ihnen die Regierung auf die Finger schaute, aber auch, dass sie Unterstützung erhielten, wenn dies nötig war.
Eine unabhängige Evaluierung fünf Jahre nach Start des Programmes bescheinigte Tusome beeindruckende Erfolge: Der Anteil der Kinder, die in der zweiten Klasse die in ihrem Alter zu erwartende Leseleistung in beiden Sprachen erbrachten, hatte sich auf 65 Prozent verdoppelt. Weder in den Nachbarländern Kenias noch bei irgendwelchen Pilotprojekten habe es einen derartigen Erfolg gegeben, heißt im Fazit des Berichts. Und das bei Kosten von lediglich etwa vier US-Dollar pro Kind und Jahr. Vor allem die Mischung aus Kontrolle und Unterstützung gilt als Geheimnis des Erfolgs von Tusome.
Die Beispiele von Finnland bis Kenia zeigen, dass es den verschiedensten Kulturen gelingen kann, sich auch aus ungünstigen Startbedingungen heraus in relativ kurzer Zeit positiv zu entwickeln. Der zentrale Faktor dafür war in allen Fällen eine Grundbildung für breite Teile der Bevölkerung. Auf diesem Fundament lässt sich am besten eine weiterführende Bildung aufbauen, die den Menschen ein erfolgreiches Berufsleben ermöglicht und den Wohlstand ganzer Gesellschaften garantiert.